Raus aus dem Teufelskreis:
Wie neue Selbstgespräche das Gehirn und die Seele heilen können
Viele Menschen mit Depression, PTBS oder KPTBS erleben ihre Gedanken wie ein endloses Karussell negativer Stimmen – Stimmen, die sich tief ins eigene Unterbewusstsein eingraben, die Welt fad, farblos und freudlos erscheinen lassen und das Gefühl vermitteln: „Ich bin nicht genug, ich werde immer verlassen, ich kann sowieso nichts ändern.“ Dieses lähmende Gedankenmuster macht das Leben schwer, lähmt Hoffnung und blockiert jede Veränderung. Doch die Forschung und therapeutische Praxis zeigen: Selbst die tiefsten alten Muster können mit der Zeit repariert und verwandelt werden – und ein zentraler Schlüssel dafür liegt im Umgang mit den eigenen Selbstgesprächen.
​​
Selbstsabotage und Schwierigkeiten, Grundbedürfnisse anzunehmen
Viele Betroffene fragen sich, warum sie immer wieder sich selbst sabotieren, kaum noch an Liebe oder Glück glauben können oder immer wieder das Gefühl haben, auf Distanz gehen zu müssen. Dabei geht es selten darum, dass sie nicht lieben oder etwas schätzen könnten – im Gegenteil, sie geben oft sehr viel für andere.
Das eigentliche Problem liegt im Empfangen: Wenn Wertschätzung, Lob oder Liebe von außen kommt, reagieren viele mit Misstrauen, Angst und innerem Rückzug. Es ist, als würde jemand ein wertvolles Geschenk reichen, man aber prüft es erstmal, statt es auszupacken – aus Angst, es könnte eine Falle sein.
Wenn sie sich dann doch einmal öffnen, erleben sie oft, dass es ihnen noch schlechter geht:
Der innere Alarm beginnt unaufhörlich zu schrillen, der Wunsch nach Distanz und Rückzug wird überwältigend, fast zum einzigen Gedanken. Dabei hatten sie sich eigentlich geöffnet, weil sie sich nach Nähe, Liebe, Sicherheit und Vertrauen sehnen. Es ist des Menschen Grundbedürfnis, Nähe, Geborgenheit und Annahme zu erfahren – und absolut jeder sucht, ob bewusst oder unbewusst, nach genau diesem Gefühl. Doch wer in der Kindheit emotionale Gewalt, Ablehnung oder Vernachlässigung erlebt hat, trägt tief eingeprägt einen Schutzmechanismus in sich:
Die „innere Alarmanlage“ schaltet sich sofort auf höchste Stufe, sobald echte Nähe oder Verletzlichkeit entsteht. Die Schutzmauer wird wieder aktiv, verhindert, dass man sich auf gute Erfahrungen einlassen kann – und bestätigt schmerzlich das alte Muster: „Vertrauen ist gefährlich. Nähe tut weh.“
Dieses Verhalten entsteht häufig, weil Betroffene über Jahre gelernt haben zu überleben, nicht zu vertrauen, zu schützen und Negatives früher wahrzunehmen als Gutes. Das Unterbewusstsein ist auf „Achtung, Gefahr, Enttäuschung droht!“ gepolt – und nicht auf „Du bist es wert, geliebt zu werden.“ Das führt dazu, dass selbst in scheinbar banalen Alltagssituationen immer wieder alte Selbstzweifel, Misstrauen, Kontrolle und der Zwang nach Beweisen für echte Zugehörigkeit und Liebe auftauchen.
​
Wie das Gehirn und Unterbewusstsein auf Selbstgespräche reagieren:
Unser Gehirn ist plastisch: Es wächst und verändert sich mit dem, was wir ihm täglich an Informationen anbieten.
Wissenschaft, Psychologie und die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) erklären, dass jedes bewusste oder unbewusste Selbstgespräch – ob negativ („Ich bin nichts wert“, „Ich darf niemandem trauen“, „Ich bin sowieso nicht liebenswert“) oder positiv, aufmunternd und zugewandt – Spuren im Unterbewusstsein hinterlässt.
Der Clou: Unterbewusstsein und Körper unterscheiden nicht, ob Sie im Scherz sagen: „Ich Idiot, ich pack' das eh nicht“, oder ob Sie es ernst meinen. Jeder negative Gedanke, der unkommentiert bleibt, ist wie ein Samen im Garten des Geistes: Mit der Zeit wächst daraus ein Dickicht aus Zweifel, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit (Unkraut).
Negative Selbstgespräche und Pessimismus sind wie eine schmutzige Brille: Je öfter negative Gedanken wiederholt werden, umso grauer, trüber und hoffnungsloser wirkt die Welt. Ganz alltägliche Situationen erscheinen dann bedrohlich oder sinnlos – und das Gefühl, in eine Depression oder Trauma-Symptomatik festzustecken, verstärkt sich wie von selbst.
​
Warum positive Selbstgespräche und "Reparaturfähigkeit" heilen können
Die gute Nachricht der modernen Psychologie:
Das Gedankenmuster ist veränderbar! Das Gehirn kann lernen, statt nur zu überleben auch wieder zu vertrauen, Hoffnung wahrzunehmen und Freude zu entdecken.
Das Prinzip dahinter heißt Reparaturfähigkeit (im Englischen: Repair bzw. Self-Repair): Es ist nicht entscheidend, nie negative Gedanken zu haben oder perfekt zu funktionieren – sondern wie Sie nach jedem negativen Gedanken, Konflikt oder Rückschlag wieder ins Hier und Jetzt zurückfinden.
Das bedeutet:
-
Sich selbst in liebevollen, wohlwollenden Worten begegnen.
-
Negative Gedanken oder Glaubenssätze erkennen – und ihnen bewusst neue, positivere, realistischere entgegenstellen.
-
Das Unterbewusstsein täglich durch kleine Übungen mit anderen, guten Inhalten füttern.
-
Hoffnung und Freude nicht suchen, bis alles perfekt ist, sondern bewusst als kleinen Funken zulassen und verstärken.
​​
Praktische Übungen und deren Wirkung
Folgende Übungen wirken wie ein feuchtes Tuch für die “schmutzige Brille”, mit der Sie auf Ihr Leben schauen – wissenschaftlich geprüft und in der Praxis bewährt:
-
Dankbarkeitstagebuch: Schreiben Sie abends drei kleine positive Dinge auf, die am Tag passiert sind – so trainieren Sie Ihr Gehirn, Schönes bewusster zu sehen.
-
Selbstmitgefühls-Übung: Legen Sie die Hand aufs Herz und sagen Sie sich: „Es ist ok, dass es schwer ist. Ich bin trotzdem freundlich zu mir.“ Das schwächt innere Härte und den depressiven Kommentator.
-
Drei-Minuten-Sonnenstrahl: Nehmen Sie sich kurz Zeit, ein angenehmes Licht, eine Stimme, einen Duft bewusst zu genießen und innerlich zuzulassen: „Ich darf das spüren.“
-
Perspektivwechsel am Abend: Fragen Sie sich: „Was würde jemand anderes heute an mir gut finden?“
-
Dialog mit dem inneren Kind: Sagen Sie Ihrem jüngeren Ich: „Heute habe ich gesehen, dass du Wert hast.“ Kindern in uns fehlt die Anerkennung – holen Sie sie nach.
Wenn Sie täglich eine dieser Übungen machen, beginnt Ihr Gehirn tatsächlich, neue, gesunde Wege zu bahnen. Sie merken mit der Zeit:
-
Negative Gedanken kommen zwar, bestimmen aber nicht mehr alles.
-
Hoffnung und Freude werden wieder spürbar.
-
Zwischenmenschliche Dynamiken werden stabiler, weil Sie leichter offen und präsent bleiben können und sich Konflikte besser auflösen, besonders in den eigenen vier Wänden.
​
Fazit: Das neue Selbstgespräch als Weg aus dem depressiven Teufelskreis
Depressionen und PTBS/KPTBS rauben Energie, Hoffnung, Selbstvertrauen und den Glauben daran, Beziehungen halten oder Glück „bei mir“ ankommen zu lassen.
Doch niemand ist verurteilt, für immer im Karussell alter, schädlicher Selbstgespräche gefangen zu bleiben. Wenn Sie beginnen, bewusst und geduldig, Tag für Tag, neue liebevolle Gedanken zu kultivieren, entstehen im Gehirn neue Wege – und damit neue Gefühle, neue Chancen, Ihr Lebensgefühl zu verändern.
​
​METAPHER​
Stellen Sie sich vor, Sie bekommen ein wunderschön verpacktes Geschenk, auf das Sie sich insgeheim sogar freuen. Doch statt es einfach auszupacken und sich überraschen zu lassen, drehen und wenden Sie es immer wieder in den Händen. Jede Schleife, jedes Papier wird argwöhnisch betrachtet, als ob sich darin womöglich eine Sprengfalle verbirgt. Die Sorge, dass etwas Gefährliches darin lauern könnte, hindert Sie daran, Freude zu empfinden oder das Geschenk überhaupt zu öffnen.
Solange Sie im Prüfmodus bleiben, entgeht Ihnen die Freude über das Geschenk selbst.
Erst wenn Sie Ihre Sichtweise verändern und den Mut aufbringen, zu vertrauen – ohne das Geschenk durch einen Scanner zu schicken –, können Sie es wirklich öffnen und den Inhalt genießen.
​
UND WIE VERÄNDERT MAN DIE SICHTWEISE?
​
Die wichtigste Lektion heißt: Nicht, sich nie wieder schlecht zu fühlen – sondern zu wissen, dass jedes Gefühl, jeder Gedanke, jeder Tag auch eine neue Tür zu etwas Gutem öffnen kann. Ihre Worte an sich selbst sind dabei der Schlüssel.
​
​
Verfasser: Coaching am südlichen Oberrhein​​